Sprachkonzept für jedermann/frau

Grundsätzliche Vorüberlegungen:

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das ist unstrittig und eine zentrale Voraussetzung. Oft werden auch mindestens rudimentäre Sprachkenntnisse zur Einstellung entweder zur Arbeit oder Ausbildung seitens der Betriebe vorausgesetzt. Sprechen ist sehr schnell zu adaptieren, geschieht oft auch zwischen Geflüchteten untereinander. Damit werden aber auch sehr viele Sprachungenauigkeiten vermittelt, ganz zu schweigen von Lesen und Schreiben. Für dieses Defizit ist dieses Kursmodell gedacht und erprobt worden.

Volkshochschulen und andere Träger bieten oft Sprachkurse an. Deren Ziel ist eine Zertifizierung nach europäischen Standards A1, A2, B1 usw. Deren Sinn und Zweck sowie deren Durchführung steht hier nicht zur Diskussion, sind sicherlich notwendig und richtig, allein um formale Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten. So empfiehlt z.B. die IHK ihren Betrieben mindestens den Standard B1 zur Einstellung zu fordern. Aus der hiesigen Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass der Spracherwerb in der Praxis sehr gut möglich ist, erfordert aber Überzeugungsarbeit bei den Betrieben sowie auch eine Begleitung der Geflüchteten durch Patenschaften.

 

Es ist ganz einfach: Geflüchtete, die in Arbeit oder Ausbildung sind, merken sehr schnell, dass ihre Sprachkenntnisse doch noch in der Regel sehr eingeschränkt sind. Speziell im Berufsschulunterricht, wenn es zum Beispiel um Aufgaben oder Erklärungen in Textform gibt, stoßen sie an ihre Grenzen. Daraus entwickelt sich oft eine Betroffenheitsmotivation, die es zu nutzen gibt. Aber auch im „normalen“ Arbeitsablauf sind weitere Kenntnisse nötig, wenn es sich z.B. um Bedienungsanleitungen, Sicherheitsvorschriften usw. handelt. Hieraus hat sich nachfolgendes Kurskonzept ergeben, welches gerade auch von Nichtpädagogen leicht umgesetzt werden kann. Ein Studium ist also nicht erforderlich, aber viel Geduld und das Bemühen, klar und deutlich zu sprechen.

 

Organisatorische Vorüberlegungen

Räumlichkeiten:

Viele Betriebe verfügen über Konferenz- oder Schulungsräum oder auch Pausenräume. Hier lohnt sich eine Anfrage, ob diese Räume auch nach Feierabend (oder sogar während der Arbeitszeit durch Freistellung wie hier von einigen Betrieben ermöglicht) für den Kurs genutzt werden können. Als Alternative bieten sich Schulen vor Ort oder auch Räumlichkeiten der Kirchengemeinden an.

Finanzen:

Die Stiftung "Stiftungen helfen" (http://www.stiftungen-helfen.de) bot hier sehr unbürokratische Hilfe an. Ein kurzer Antrag, gestellt auf deren Homepage, mit einer Kurzbeschreibung des Vorhabens genügte schon für eine Unterstützung bis zu € 500. Gedacht für Lehrgangsmaterialien, Mietkosten usw., nicht aber für Fahrtkosten, Honorare. Ein Nachweis wurde nicht gefordert, aber ein paar Bilder aus dem Kurs waren sehr willkommen.

Leider ist das Kontingent derzeit aufgebraucht. Hier müssten dann evtl. Spenden eingeworben werden. Auch eine Finanzierung durch kommunale Einrichtungen sollten in Betracht gezogen werden. Viele Kommunen haben zur Integration Geflüchteter zusätzliche Mittel vom Land Niedersachsen erhalten.

Lehrgangsmaterialien:

Da es sich nicht mehr um Kinder handelt, fallen fast alle Grundschulmaterialien aus. Ein Lesebuch über Hase und Igel z.B. ist für Erwachsene nicht sehr gut geeignet. Es bieten sich Zeitungen an, die auch immer wieder Kurzmeldungen über die Flüchtlingsproblematik beinhalten. Meistens sind die Verlage, wie z.B. die MK Kreiszeitung (https://www.kreiszeitung.de/) gerne bereit, nicht aktuelle Freiexemplare für diesen Zweck kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Bereitgestellt sollten für jeden Teilnehmenden ein Vokabelheft, ein Schreibheft mit Linien (Linie 1) sowie ein Schreibstift (Besser nicht Kugelschreiber), geordnet in einem verschließbaren, transportablen Handaktenordner. Ein Scrabble ist für den spielerischen Umgang empfehlenswert. Eine Vorlage über die Schreibschrift sollte ebenfalls für jeden als Kopie zur Verfügung stehen. Hier sollte z.B. aus dem Internet eine vereinfachte Ausgangsschrift oder eine geschriebene Druckschrift ausgesucht werden. Siehe Anlage

Teilnehmende:

Die Teilnehmerzahl sollte 6 nicht übersteigen. Darüber hinaus ist eine individuelle Förderung kaum möglich, es sei denn, ein zweiter Trainer*in steht zur Verfügung. Die Gruppe sollte nicht aus Analphabeten und Schreibkundigen gemischt bestehen.

Zeiten:

Ein fester Wochentag mit einer festen Zeit z.B. nach Feierabend ist erforderlich. Ein Umfang von 1 1/2 Stunden sollte nach der Arbeit nicht überschritten werden. Ggfls. ist auch ein Samstag mit den Teilnehmenden zu vereinbaren. Es sollten schon mindestens 10, besser 15 bis 20 Termine eingeplant sein.

Vorbereitung des Trainers:

Eine Erinnerungs-Mail bzw. WhatsApp einen Tag vorher hat sich als sinnvoll erwiesen. Gleichzeitig sollte für alle Teilnehmende ein Zeitungsexemplar besorgt werden. In diesem sollten passende Kurzmeldungen markiert und nummeriert werden.

Je nach Lernfortschritt sollten Worte mit Dehnungen, Umlauten, scharfen oder weichem S usw. bereitgehalten werden, (betont vorsprechen) um diese dann in Partnerarbeit mit Scrabble zu legen.

Kursablauf (beispielhaft):

Nach der Begrüßung werden die Zeitungen verteilt.

Der Trainer /die Trainerin liest mit bester Betonung und langsam zum Mitlesen jeden einzelnen Artikel (also max. 6) laut vor.

Danach werden die einzelnen Artikel den Teilnehmenden zugeordnet. Deren Aufgabe ist es, unbekannte Wörter ins Vokabelheft einzutragen und mit Hilfe derer Handys eine Übersetzung in ihrer Muttersprache dazu zu schreiben.  Der Text sollte dann mehrfach leise gelesen werden. Danach einmal laut in der Gruppe vortragen, Hilfen und Korrekturen vom Trainer*in sind notwendig für eine korrekte Aussprache. Nicht Schnelligkeit, sondern Genauigkeit ist das Ziel. (viele Geflüchtete sprechen sehr schnell und undeutlich. Das zu verändern ist wichtig!) Dann soll der Teilnehmende mit eigenen Worten den Sinn beschreiben. Als nächstes schreibt jede/r in Schönschrift nach der Vorlage den Kurzartikel ins Heft. Oftmals auch schon als Hausaufgabe. Diese Abschrift sollte vom Trainer*in korrigiert und vor allem gelobt werden. Auch beim Lesen und Wiedergeben ist ein Lob trotz Verbesserungen immer wieder notwendig. I.d.R. sind die 1 1/2 Stunden schon längst um. Das o.g. Scrabble Spiel kann am Anfang (als Warmup) oder auch am Ende (als spaßiger Ausklang) eingesetzt werden.

Die nächste Lektion beginnt mit dem Vorlesen der Hausaufgabe aus dem Heft (Überprüfung der eigenen Lesbarkeit). Danach wie oben beschrieben.

Wichtigste Lernziele sind

Korrekte Aussprache zu erlernen,

den Wortschatz zu erweitern,

lernen fremde Texte zu verstehen (verstehendes Lesen) mit der oben beschrieben, eingeübten Technik

Umgang mit Vokabelheft zum Übern (hier ist es nötig, beispielhaft zu demonstrieren, wie mit dem Vokabelheft (eine Spalte verdecken und Übersetzung aussprechen) zu üben ist),

nutzen des Handys zum Übersetzen, z.B. Google Übersetzer.

Bewusst verzichtet wird auf grammatikalische Korrektheit, die sich später durch Hören. Lesen und Nachsprechen mehr oder weniger von allein einstellt oder auch zur Verständigung nicht zwingend erforderlich ist. (Vergl. Spracherlernen bei Kleinkindern)

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