Die Geschichten

der Sulinger Flüchtlinge


Omar (23) aus dem sudan

erzählt seine persönliche Geschichte


Am 13. Juli 2015 führte ich mit einem Dolmetscher ein Gespräch mit einem der Flüchtlinge, die wir betreuen. Ich befragte ihn nach seiner Herkunft, seinen Fluchtgründen, seiner Flucht und seinem Befinden hier in Sulingen. Um seine zurückgebliebene Verwandtschaft nicht zu gefährden, nenne ich ihn Omar, deshalb verzichtet er auch auf ein Foto. Auch seine Adresse ist zu seinem Schutz hier nicht erwähnt.

Heiners Fragen

Omars Antworten


Omar, erzähl mal wer du bist.

Ich bin Sudanese und nun 23 Jahre alt. Seit Anfang des Jahres bin ich in Sulingen und fühle mich wieder sicher. Mein Leben hat wieder eine Zukunft.


Warum bist du denn geflüchtet? 

Mein Vater war in der sudanesischen Armee als Unteroffizier. Wir lebten in der Provinz Darfur. Al-Baschir* kam 1989 nach einem unblutigen Militärputsch im Sudan an die Macht. Nicht alle in der Armee waren damit einverstanden, besonders nicht in meiner Provinz. So versuchten Teile der Armee – darunter war auch mein Vater – in Darfur sich gegen den Putsch zu stemmen. Der Gegenputsch flog auf und alle wurden zum Tode verurteilt. Deswegen flüchteten meine Eltern nach Libyen. In der Nähe von Tripolis ließen sich meine Eltern nieder und lebten unter Gaddafi eigentlich recht gut.

Umar al-Baschir (2014)

*Am 4. März 2009 erhob der Internationale Strafgerichtshofes(IStGH) in Den Haag gegen al-Baschir Haftbefehl wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im anhaltenden.

mehr auf wikipedia

1992 wurde ich dort geboren, 2 Jahre später meine jüngere Schwester. Ich konnte zur Schule gehen und absolvierte die 6. Klasse. Wir hatten ein gutes Leben. Allerdings habe ich nie irgendwelche Papiere bekommen: Die sudanesische Botschaft verweigerte sich ebenso wie die libyschen Behörden. Ich war eigentlich nicht da. 

2011 brachen auch in Libyen Kämpfe aus, Gaddafi wurde ermordet und das Land versank im Chaos. Al Khaida bzw. die ISIS übernahmen mehr und mehr die Macht und zwangen meinen Vater wieder in deren Armee, was er verweigerte. Seitdem ist er im Gefängnis, ich weiß nicht wo und ob er überhaupt noch lebt. Auch ich sollte in die Armee und so beschloss ich zu flüchten. Ich wollte nicht morden.


Beschreibe deine Flucht, woher hattest du das Geld? 

Ich habe in Libyen nach meiner Schulzeit gearbeitet und auch von meiner Mutter noch etwas Geld bekommen. Insgesamt hat mich die Überfahrt nach Sizilien 750 US $ gekostet. Aber der Reihe nach. Ich habe Kontakt zu einem Libyer bekommen, der sich da auskennt. Der hat mich dann zu jemanden gebracht, den man hier Schleuser nennt. Für uns war er mehr ein Retter. Ihn habe ich bezahlt. Dann mussten wir warten, bis er ein Boot bekam und wir genügend Leute zur Flucht waren. Dann, an einem Abend war es soweit. Mehr als 300 Menschen kamen zum Strand, von dort sollten wir einschiffen. Ich war der letzte, der an Bord durfte. Ich dankte Gott und betete, dass wir es mit dem Schiff schaffen würden. 2 Tage und 2 Nächte waren wir auf See, ohne Nahrung oder Wasser, wir hatten kein Gepäck, nichts, was wir mitnehmen durften. Ich hatte aber 20 US $ versteckt und ein Handy. Wir mussten die ganze Zeit über lenzen, denn es drang immer mehr Wasser ins Boot. Endlich, am 3. Abend sahen wir Lichter, ein Hubschrauber kam und umkreiste uns. Einige sprangen ins Wasser und wollten zum Ufer schwimmen, das konnten sie jedoch nicht und ertranken. Ein Boot der Coastguard kam dann, nahm uns auf. Danach sank das Boot, weil keiner mehr lenzte. Man brachte uns in einen Hafen auf Sizilien und dort in ein Lager, wo schon viele andere waren. Wir schliefen erst einmal auf dem Boden vor lauter Erschöpfung ein. Am nächsten Morgen sagte man uns, in 3 Tagen würden wir registriert oder wir würden eben nicht  mehr da sein. Das haben wir so verstanden, dass wir hier eigentlich nicht erwünscht seien und weiterziehen sollten.

Omar‘s Stimme wurde während der Schilderung immer leiser, auch wurde er immer kleiner. 


Omar, wie geht es dir jetzt? 

Ich habe die ganzen Bilder so wieder vor mir, als wäre es gerade gestern. Ich glaube, Gott hat mich beschützt. 

Wir machen eine kleine Pause. 


Und wie ging es dann weiter? 

Wir sind dann als eine kleine Gruppe mit der Eisenbahn nach Rom gefahren. Immer wieder wurden wir als Schwarzfahrer erwischt. Dann sind wir ausgestiegen und im nächsten oder übernächsten Zug wieder eingestiegen. So haben wir es über Turin bis nach Frankreich geschafft. Das hat rund eine Woche gedauert. 


Wo seid ihr in Frankeich gewesen? 

Keine Ahnung, wir haben ja nichts verstanden und lesen konnten wir die Schrift ja auch nicht. Irgendwie haben wir nochmal großes Glück gehabt. Ein Franzose – oder war es ein Marokkaner? – hat uns dann irgendwo aufgegriffen und geholfen. Er wusste von Braunschweig als ein Flüchtlingslager in Deutschland. Dort sollten wir hinfahren, die würden die Menschenrechte achten und uns gut behandeln. Und so sind wir dann tatsächlich dort angekommen.

Omar‘s Stimme klingt wieder fester, sein Körper ist auch wieder mehr aufgerichtet.


Wie lange hat denn deine Flucht nun insgesamt gedauert?

Von Libyen bis nach Braunschweig waren es wohl insgesamt 4 -5 Wochen.


Und wie fühlst du dich nun hier in Sulingen?

Ich bin glücklich hier zu sein. Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit. Sie helfen uns mit allen möglichen Spenden. Wir leben hier in Sicherheit, kein Krieg, keine Bomben. Sulingen ist ein beschaulicher Ort, nicht zu groß und nicht hektisch wie in itOmarenischen Städten.


Und wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Ich lerne jetzt deutsch. Das ist sehr wichtig, etwas kann ich schon. Und ich kann auch schon die Schrift lesen. Und dann möchte ich lernen, weiter zur Schule gehen und dann einen Beruf lernen, Geld verdienen. Am liebsten alles in Sulingen.


Du hast bestimmt schon davon gehört, dass es hier sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge gibt. Gehörst du dazu?

Nein bestimmt nicht. Ich hatte ja nur eine Wahl: Entweder in Libyen durch die ISIS zu sterben oder im Mittelmeer zu ertrinken oder in Europa anzukommen. Ich hatte eben Glück gehabt. Gott hat mir geholfen.


Was ist dein größter Wunsch?

Dass mein Vater noch lebt, dass ich meine Schwester und meine Mutter wiedersehen kann. Einmal im Monat telefonieren wir ja zusammen. Dass ich vielleicht einmal in meine Heimat in den Sudan zurückkehren kann, um sie endlich kennen zu lernen. Ich wünsche mir so sehr Frieden.


Warum hast du dieses Interview mit mir gemacht?

Ich wollte, dass man uns Flüchtlinge versteht. Und ich möchte auf diesem Weg auch den Sulingern danken, dass sie uns so gut aufgenommen haben und unterstützen.


Das Interview wurde übersetzt durch Mohamad Hammoud, dem mein Dank gilt.